horror vacui

ein nachmittag vor mir
ein ganzer nachmittag
wie soll die zeit vergehen
angst vor der leere

ich schaue um mich
keine leere, nirgends
leere zu sehen
wo ist die leere

außer in mir
angst vor der leere
angst vor mir selbst
ein rat von mir

an mich
begegnung
mit der leere
mit mir

 

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noch

kommen und gehen
werden, vergehen
sein und schein
blühen, verwelken

ergrünen, vergilben
röten und bläuen
schwärzen und weißen
sich färben, verblassen

erschallen, verhallen
ertönen, verstummen
singen und schweigen
hören, verstehen

bauen, verfallen
vereinen, entzweien
verübeln, versöhnen
verhören, zerstören

die amsel
singt
ihr abendlied
noch

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fluchtgedanken

damals
als noch die mauer war
hieß es: einem ddr-bürger (einem)
ist wieder die flucht in den westen gelungen, und
der bundespräsident nahm dies zum anlass
noch einmal auf die unmenschlichen zustände
im anderen teil deuschlands hinzuweisen
verbunden mit der forderung
den schießbefehl an der mauer auszusetzen
unsere freude über das gelingen der flucht
und unsere abscheu vor dem system drüben
sind grenzenlos und ungeteilt
unsere brüder und schwestern drüben
in diesem unserem geteilten vaterland

heute
is
t die mauer wie vergessen
nur am 13. august erinnern müde reden
noch an die teilung deuschlands
und wenn einem die flucht gelungen ist
einem von vielen, die ohne hoffnung sind
ist die freude durchaus nicht ungeteilt
die unsichtbaren mauern sind höher
und um vieles wirksamer
in dieser unserer geteilten welt
sollen sie doch bleiben, wo sie sind
diese brüder und schwestern
wenn sie verrecken
hat’s niemand gesehen

armes deutschland

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ein und all

billionen und eine
galaxie im endlich-unendlichen raum
strebend ins nirgend

billionen und eine
sonne in unsrer galaxie, nebelnd
kreisend um irgend

zwanzig planeten
blind irrend um eine sonne
immer dieselben bahnen

ein planet, winziger als
ein staubkorn im all, seltsam
von winzlingen bewohnt

sieben milliarden
häuser und wohnungen
über die erde verteilt

vorübergehend, und die zeit
geht vorüber, kürzer
als ein gähnen im all

ein wunder in billionen
und aberbillionen
und der einen galaxie

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aufbegehren

weltzeiten vor uns
kamen ohne uns aus
weltzeiten nach uns
werden nicht nach uns fragen
sie kamen aus dem nichts
und versanden im nichts

unser kleines leben:
nichts als ein aufbegehren
im nichts, aber
aufbegehren
ist besser
als schweigen

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reisefertig

ich gehe. ich muss
gehen. ich möchte
wohl sonstwohin
schauen, um nicht zu sehen
dass die reise längst
begonnen hat

ich blicke nach draußen, wo
lauter frühlingsjubel klingt
und mein selbstmitleid
übertönt. gute reise
jubelt es. Wir
kommen bald auch

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sterndeuterInnen-ballade

sie hatten ihre horoskope
und folgten einem stern
durch wüsten und durch biotope
sie suchten einen neuen herrn

und wochen über wochen
von zweifel kaum geplagt
in überzeugung ungebrochen
sich immer durchgefragt

in hütten und palästen
in tempeln, auf dem markt
mit worten oder gesten –
umsonst, doch stets erstarkt

verständnisloses köpfeschütteln
bestärkte sie auf ihrem weg
sie hätten ihn mit allen mitteln
verfolgt, wohin er sie auch zög –

bis sie zuletzt ein obdach fanden
bei flüchtlingen und das geschrei
des babys dort verbanden
mit horoskop und rechnerei

sie suchten jahrelang verkehrtes
und fanden weit entfernt, ganz weit
das flüchtlingskind – ein unerhörtes
symbol der neuen zeit

geleitet von illusionen
verirrt in ein asyl
in abgelegnen zonen
erreichten sie das ziel

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