sterndeuterInnen-ballade

sie hatten ihre horoskope
und folgten einem stern
durch wüsten und durch biotope
sie suchten einen neuen herrn

und wochen über wochen
von zweifel kaum geplagt
in überzeugung ungebrochen
sich immer durchgefragt

in hütten und palästen
in tempeln, auf dem markt
mit worten oder gesten –
umsonst, doch stets erstarkt

verständnisloses köpfeschütteln
bestärkte sie auf ihrem weg
sie hätten ihn mit allen mitteln
verfolgt, wohin er sie auch zög –

bis sie zuletzt ein obdach fanden
bei flüchtlingen und das geschrei
des babys dort verbanden
mit horoskop und rechnerei

sie suchten jahrelang verkehrtes
und fanden weit entfernt, ganz weit
das flüchtlingskind – ein unerhörtes
symbol der neuen zeit

geleitet von illusionen
verirrt in ein asyl
in abgelegnen zonen
erreichten sie das ziel

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weihnachten, unromantisch

das eine kind, dies eine
interessiert mich nicht so sehr
den heiligenschein
haben ihm spätere angemalt
die ihn auch auf einen sockel
hoben, der nicht seiner war
dessen platz, immer unerkannt
bei den unbekannten war

das eine kind, dieses eine
war kein besonderes
viele wurden unterwegs geboren
wenn er das glück hatte
heil davongekommen zu sein
umso schlimmer
für die anderen, die
die flucht nicht überlebten

das eine kind, dies eine
interessiert mich nicht so sehr
wohl aber die vielen
ganz im sinne jenes einen

unbekannten

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herbsttreiben

treiben im sturm
wirbelnd woher und wohin
wie blätter im sturm
wie zynischer tanz
im lichtspiel der sonne
wie grinsendes irrlicht

zwischen wolken
vom mondschein
im dunkel der nacht
treibend die toten
und landend, was lebt
eher halbtot

wie strandgut
wie strandschlecht
getrieben, verfolgt
von heimlicher hand
unbekannt
aus irgend nach nirgend

und bleiben
im treiben
jetzt
gehetzt
illegal
überall

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herbstgedanken

treiben im wind
wirbelnd woher und wohin
im lichtspiel der sonne
im dunkel der nacht

treibend
getrieben, verfolgt
von unbekannt
aus irgendwo nach nirgendland

und bleiben
trotz treiben
im jetzt
ungehetzt

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im schneckentempo

von zeit zu zeit
mach ich mich selbst
zur schnecke, nehme mein haus
auf den rücken
streck meine fühler aus
und bewege mich langsam
ganz langsam voran

aber so brauchst du sehr lange
sagt mein sohn, mit fliegen
kommst du schneller an

ich ziehe meine fühler ein
keine eile, sag ich mir
wo ich bin, ist es gut
wohin ich komme –
meine schleimspur wird
ökologisch
schnellstens abgebaut

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umrüsten

rüsten
aufrüsten
wettrüsten
gegen andere
sich entrüsten

über die anderen
die rüsten
aufrüsten
sich entrüsten
über die
die wettrüsten

und so weiter
oder:

entrüsten
abrüsten
zurüsten, um
ohne rüstung
zu leben

geschrieben am 9.9.2016, als die nachricht
von der fünften nordkoreanischen atombombe kam

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augustfarben

schwarz leuchten die brombeeren
wie nächtlicher jubel
sanddorn strahlt
in orangenem glück
himbeeren, gelb und rot
träumen den abendhimmel

nebelweiß verfängt sich
spätsommer im spinnennetz
kürbisblüten, rosen, löwenmäulchen
lavendel, goldruten, veilchen
mischen ihr farbenspiel
in die stillen klänge des morgens

lila atmet der sommerflieder
honigduftgeschwängerte luft
das gaukelspiel
der pfauenaugen und zitronenfalter
macht jeder weile
lange beine

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